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Judith Haman
Videoinstallation
26.3. - 24.10.2010

Anhaltische Gemäldegalerie Dessau
Puschkinallee 100
06846 Dessau

Video/Cut: Skrollan Allwert
Hamburg 2010
©Judith Haman, Skrollan Allwert


Welche Bedeutung bekommt das Bild „Anbetung der Könige“ von 1520, Herkunft unbekannt, in der aktuellen Umgebung?
Das Original hängt in der Anhaltischen Gemäldesammlung mit 15 weiteren Exponaten in einem Raum von denen 12 aus dem Gotischen Haus Wörlitz stammen, die dann ins Schloß Georgium gewandert sind. Sie hingen seit 1863 dort im Bibliothekszimmer, Esszimmer, im Geistlichen Kabinett sowie in den herrschaftlichen Schlafzimmern, waren Teil des täglichen Lebens der herzöglichen Familie. Nun bewahren sie ihre Geschichten im Miteinander in einem Museumsraum. Wenig wissen wir über die Orte, an denen die Bilder Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden sind und kaum etwas darüber, wie sie in dieses Herrenhaus gelangten.
Eine Reproduktion des Bildes „Anbetung der Könige“ hat Judith Haman im Sommer 2009 in die Situation einer belebten Einkaufsstraße in Hamburg-Altona gebracht, in die Große Bergstraße. Von der Fensterscheibe schaute das Bild „Anbetung der Könige“ über Monate hinweg auf die Fußgängerpassage.
Der Ort von dem aus das Bild schaute ist ein ehemaliges Reisebüro im leerstehenden Frappant-Gebäude, dem ersten bundesdeutschen Einkaufszentrum mit Fußgängerzone, das Anfang der siebziger Jahre errichtet worden ist, mit einer großen Karstadt-Filiale in dessen Mitte, die seit vier Jahren leer steht.
Um „das Frappant“ streiten sich seit Jahren KünstlerInnen und EinwohnerInnen mit der Stadt. Sie wollen dort ein großes stadtteilorientiertes Zentrum für Kulturschaffende sowie für nichtkommerzielle Freizeit- und Bildungseinrichtungen zu schaffen. 140 KünstlerInnen haben in dem seit fast 20 Jahren leer stehenden Bürokomplex ihre Ateliers eingerichtet und suchen über regelmäßige Ausstellungen, Veranstaltungen und Festen den Kontakt mit dem Stadtteil und seinen Bewohnerinnen.
Die Stadt hat 2010 den Zuschlag einem multinationalen Konzern gegeben: Ikea wird „das Frappant“ abreißen und ein Möbelhaus mit vollem Sortiment dort errichten. Das Viertel wird nicht nur während der jahrelangen Bauzeiten im Ausnahmezustand sein.
„Anbetung der Könige“ im Jahr 2009/10.
Das Bild hängt dort nicht, wie der Ausschnitt des an einem sonnigen Mittwochnachmittag aufgenommene Video zeigt, zum Zwecke der Werbung für Düfte, Essenzen oder eine Reise in den Nahen Osten. Es bleibt vielmehr in „seiner Zeit“, so, wie die vorbeifahrenden Radfahrer, PassantInnen oder die im Eissalon Sitzenden ihre Zeit erleben. „Anbetung der Könige“ damals und heute. Die dokumentierende Videoinstallation bringt mit kurzer Rast das Heute in das jahrhundertwährende Miteinander der Museumsexponate und hinterfragt die behauptete, gottgegebene Zeitlosigkeit des 16. Jahrhunderts.
Vom 26.3 - 24.10.2010 war die Videoinstallation mit dem Fensterblick in den Park im Anhalt-Raum 4 der Anhaltischen Gemäldegalerie zu sehen.

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