Fotos: Stilla Seis

                             

                            Hostessen  

                                                          
                            Installation: Judith Haman   •   19. März - Mai 2001
                            Michaeliskirche Hamburg Neugraben Cuxhavenerstr. 323

                            Die Installation thematisierte das Außenlager des KZ-Neuengammes in Hamburg-Neugraben, Falkenbergsweg. Sept.1944 - Februar 1945 waren dort 500 Frauen als Zwangsarbeiterinnen untergebracht.
                            Die Installation bestand aus 500 geweihten Hostien, die auf 9 quadratischen Flächen angeordnet sind, die in einem Schaukasten des Turmraumes der Kirche Platz hatten. Unter dem Schaukasten hingen 9 Vogeltränken, die mit Wasser gefüllt waren.
                            Brot und Wasser, das Minimum, das der Mensch braucht, um zu überleben.
                            Der Schaukasten war durch ein lachsrotes Samttuch verdeckt, im aufgedeckten Zustand waren die Hostienbilder sichtbar.
                            Im gegenüberliegenden Schaukasten der Kirche waren die Abbilder der Ehefrauen prominenter Nazis auf ebenfalls quadratischen Flächen zu sehen.
                            "Ikonoplast" war eine Arbeit unter Glas, die die Anmutung einer Nonnentracht hatte.
                            Das Winkelbild "rot und grün" im Treppenhaus verweist auf die Farben der Kirche;
                            sie bedeuten im kirchlichen Kalenderjahr Leben und Dynamik.
                            Am 13. September 1944 wurde das Außenlager Neugraben am Falkenbergsweg errichtet. Die weitaus meisten der 500 Jüdinnen stammten aus der Tschechoslowakei und waren über Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Dort hatte die SS sie während der sogenannten Selektionen zum Arbeitseinsatz ausgewählt. Die Frauen erreichten zunächst das Außenlager am Dessauer Ufer, kamen dann im September 1944 nach Hamburg-Neugraben.
                            Sie mussten für die Firma Gizzi und Malo Fertigbauteile herstellen, waren aber auch zum Bau von Behelfswohnheimen in der Falkenbergsiedlung eingesetzt.
                            Aufräumungsarbeiten für die Mineralölindustrie in Harburg gehörten ebenso zu den körperlich schweren Arbeiten der noch sehr jungen Frauen und Mädchen. Ein Kommando musste in Hausbruch Panzergräben ausheben. Überlebende des Lagers berichten von Schlägen und Schikanen der etwa fünf weiblichen SS-Aufseherinnen und der dort zum Dienst verpflichteten Zollbeamten.


                            Hostie lat. Opfer, bezeichnet in den Kirchen das zum Abendmahl verwendete ungesäuerte Brot. Das Abendmahl geht zurück auf das letzte Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Tod in Jerusalem gefeiert hat. Das Abendmahl erinnert an das Leiden und Sterben Jesu für die Sünden der Menschen.
                            Johannes, Kap.6 Verse 54-56: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.
                            Seit 100 Jahren steht die Michaeliskirche in Hamburg-Neugraben, gibt es die Evangelisch-Lutherische Michaelis-Kirchengemeinde. Das Zwangslager mit 500 jüdischen Frauen im Falkenbergsweg war gleich ein paar Straßen weiter.
                            Auch 1944 wurden in der Michaeliskirche Hostien verspeist.

                            Literatur:
                            "morgen wird es anders sein" von Zdena Berger, einer Überlebenden, Horst Erdmann Verlag, 1987
                            Das KZ-Außenlager Neugraben, Karl-Heinz Schultz
                            Veröffentlichung des Helms-Museums Nr. 52 • Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte Band XXXIII


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