Es staubt, wenn man pustet.
766 Windbeutel bieten ideale
Bedingungen für Staub.
WINDBEUTEL

JUDITH HAMAN

Rauminstallation in der Grundbuchhalle Ziviljustizgebäude, Sievekingplatz 1 20355 Hamburg
23.Mai bis 20.Juni 2002


Papier wickelt Stein ein
von Johannes Lothar Schröder

Orientierung - auf dieser Seite: tastet der Mauspfeil über das Bild, so verwandelt er sich in einen Zeigefinger über den Bereichen, deren Anklicken eine Detailansicht der Installation öffnet.

 

 

W I N D B E U T E L

War eine Rauminstallation bezogen auf die Architektur und Geschichte der Grundbuchhalle,
dem Erweiterungsbau des Ziviljustizgebäudes; Sievekingplatz 1, 20355 Hamburg,
erbaut 1928-1930, der Architekt war Oberbaudirektor Fritz Schumacher.

Der in den Innenhof vorspringende gerundete Flügel (hufeisenförmig) enthält eine durch drei Geschosse reichende
Oberlicht-Treppenhalle mit Flurgalerien als einzigen architektonisch herausragenden Innenraum.
Die Halle zeigt die Eisenbetonpfeiler ihrer Konstruktion, dazwischen sind farbige keramische Balustraden gestellt (Bildhauer Kuöhl).
Die Treppe hat zur Halle hin ein den Balustraden zugehöriges Geländer.

Zur Rückseite hin besteht das Geländer aus einem in Form von Hakenkreuzen gegliedertes Eisengitter.
Die ausgehenden Flure von der Treppe kommend sind verbunden mit dem Altbau des Ziviljustizgebäudes und der hufeisenförmigen Lichthalle.

Die „Lichthalle“ war seit 1930 Schauplatz von Verhandlungen, Vorträgen,
Treffen des Senats und der Richter und auch ein Ort für Festlichkeiten.
Prof. Peukert sprach vom „Gestapo-Anbau“.
Fritz Schumacher wurde 1933 zwangspensioniert.
Die letzten Hinrichtungen im Keller der Grundbuchhalle waren zum Kriegsende.

Aktuell dazu:
Bislang unbekannte Akten wurden gefunden „wie Hamburger Richter in der NS-Zeit urteilten“ (ARD Panorama 3.9.2019).
und
„Für Führer, Volk und Vaterland, Hamburger Justiz im Nationalsozialismus“,
Klaus Bästlein, Helge Grabitz, Wolfgang Scheffler (Red.)
Justizbehörde Hamburg (Hg.),
1. Auflage 1992, Nachdruck 2019
mit einer Einführung zur Neuauflage von Klaus Bästlein

 


Die Installation bestand aus 766 Staubsaugertüten,
von Firma Melitta Haushaltsprodukte GmbH
in einer Sonderanfertigung hergestellt.

Die Balustraden sind durch ein korbähnliches Keramikgitter gegliedert (12 Brüstungen mit jeweils 3 Reihen)
Alle Öffnungen des Keramikgitters sowie die, die schon durch keramische Ornamente (Weizenkorn, Blüten, Blätter) gefüllt sind,
wurden mit Papierkörpern verschlossen.
Die Spitzen der Körper ragen in die Halle hinein; ihre rechteckigen Rückseiten haben jeweils eine kreisrunde Öffnung.
Die Maße der Balustraden Öffnungen waren teilweise recht unterschiedlich und mußten neu zugeschnitten werden.
Die zu Rauten verzogenen Rechtecke der Öffnungen in den Treppenaufgängen wurden in einem einfachen Verfahren geknickt.
Die Öffnungen, die schon durch keramische Ornamente gefüllt waren, mußten jeweils in einen zweiteiligen Körper eingebettet werden.

Kein Lufthauch dringt in die Halle, kein Fenster ist zu öffnen. Ein geschlossenes System.
In diese Halle wird kein Ton hineingetragen.
Man schmeckt den Staub der letzten 80 Jahre und hat das Gefühl, all das Gesprochene läßt einen hier nicht zu Wort kommen.
Dem Ersticken zu entgehen und dem unerträglichen Gefühl der Ohnmacht angesichts dessen, was hier seit 1930 stattgefunden hat, einen Ort zuzuweisen, war mein Anliegen.

Durch die Arbeit an meiner Ausstellung „Hostessen oder die Ernährung“ ein Jahr zuvor in der Neugrabener Kirche über die Zwangsarbeiterinnen, die im Außenlager des Konzentrationslagers Neuengammes, Falkenbergsweg,
interniert waren, schien es mir notwendig, diese Ausstellung mit einer umfangreicheren Dokumentation zu zeigen.
Mir kam die Grundbuchhalle, dem Erweiterungsbau des Ziviljustizgebäudes in den Sinn.
Ich hatte in Zusammenarbeit mit Annette de Beisac Entwürfe und Modelle für die Neugestaltung
und Nutzung der Grundbuchhalle erarbeitet.
Bei einem erneuten Besuch dort, ob der Raum sich für eine solche Ausstellung eignen würde,
erschrak ich über die Schwere, die in diesem Raum zu lasten scheint,
ähnlich einer Staubschicht, die das Licht trübt; so entstand die Idee der Installation mit den Windbeuteln. 

Jeder der 766 Windbeutel ist nummeriert und signiert

Die Gebäckbilder „Windbeutel“ waren zur selben Zeit 2002 in der Stadtbäckerei Hamburg ausgestellt.

 

 

Eröffnungskonzert:

Komposition „Die Lücke des Subjekts“, von Heiner Metzger
mit
Ge-Suk Yeo – sopran
Georgia Ch.Hoppe – klar.
Hannes Wienert – sax.
Helmuth Neuman – tromp.
Heiner Metzger – klar.

Vorträge: 

Prof. Dr. Volker Plagemann über das Gebäude
Dr. Johannes L. Schröder „Papier wickelt Stein ein“

zum Ende der Ausstellung:

Prof. Alexander Slavin las auf russisch das Gedicht
„Der Hufeisenfinder“ von Ossip Mandelstam
und ich in deutscher Übersetzung von Paul Celan.

Judith Haman
2019

 

 

 

 

   
treppenaufgang-rechtstreppenaufgang-linksGelŠnder-rund 1. StockGrundbuchhalle - Eingang